Wenn die Strohballen in den Bahnhofshallen vorbeiziehen, der Kaffee im Pappbecher langsam kälter wird und einsame Seelen am Bahnsteig auf der Suche nach einem schwachen Licht sehnsuchtsvoll in die Ferne schauen, dann spätestens ins klar: Sie tun es schon wieder. Im aktuellen Tarifkonflikt zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn ist auch nach der achten Streikrunde noch keine Einigung in Sicht. Bahnstreik.

„Nach dem Aussetzen von Kindern ohne Fahrkarte sind die Streiks nicht gerade eine Imagepolitur. Oliver Marquardt“

Unabhängig vom wirtschaftlichen Schaden, den der neuerliche Stillstand im deutschen Güterverkehr bedeutet (laut Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, beläuft sich der Schaden auf fast 500 Millionen Euro1), wirft die Haltung von Personalchef Ulrich Weber kein sonderlich gutes Licht auf einen der größten (und beliebtesten!2) Arbeitgeber in Deutschland. Unschön auch, dass sich Bahnchef Rüdiger Grube so lang bedeckt gehalten hat und erst nach mehreren Streikrunden selbst zu Worte meldet. Effektive Krisenkommunikation sieht anders aus. Zwar funktionieren die Ersatzfahrpläne im Nah- und Fernverkehr, über den Unmut und das zunehmende Unverständnis vieler Bahnreisender kann es jedoch nicht hinwegtäuschen: Die Deutsche Bahn hat ein gewaltiges Imageproblem.

Der Lokführerstreik: Das Image der Bahn bröselt dahin.

Man sollte bei der Diskussion um Recht oder Unrecht Eines nicht außer Acht lassen. Deutsche Lokführer verdienen im europäischen Vergleich am wenigsten und haben einen verantwortungsvollen Job. In der ganzen Debatte um Recht und Unrecht, Sympathien für die eine und Antipathien für die andere Seite wollen wir uns aber gar nicht einmischen. Dass GDL-Führer Claus Weselsky ein harter Hund ist, ist unbestritten. Und dass sich Bahnchef Grube nur ungern ins eigene Handwerk pfuschen lässt, schon gar nicht von einer Gewerkschaft, ist auch ein offenes Geheimnis. Man könnte aber meinen, ihm sollte vor allem jetzt daran gelegen sein, das Image der Deutschen Bahn (DB) möglichst rein zu halten, interne Kämpfe und offenkundige Unzufriedenheit bereits im Keim zu ersticken. Der Fernbusverkehr macht der DB mehr als nur zu schaffen. Die Monopolstellung wird so schnell zwar nicht fallen, aber sie wankt. Stetig steigende Fahrpreise, anhaltende Zugverspätungen, Serviceprobleme und die nun abermalig zu Tage tretende schlechte Bezahlung des Bahnpersonals – alles zusammengenommen braut sich ein bedrohlicher Cocktail für die Marke Deutsche Bahn auf.

Streiks sind keine Politur: Bahn-Bashing ist schon länger Trend

Erkennen kann man das leicht am sogenannten Bahn-Bashing, wie es der Politikwissenschaftler Tim Efing 2013 in einem seiner Beiträge3 nannte. Seiner Meinung nach fand die Misere unter dem ehemaligen Chef Hartmut Mehdorn und dessen bedingungslosem Kurs Richtung Börse einen unrühmlichen Höhepunkt. Dadurch entwickelte sich die DB hierzulande sogar zeitweise zum meistgehassten Unternehmen. Seitdem hat sich gewiss einiges getan. Es wurde saniert und nun rekrutiert, so Grube selbst zur Personalproblematik der DB. Mit dem Programm DB2020 hat er sogar eine zukunftsweisende Vision, mit der die Bahn noch ökologischer, profitabler und gefragter werden soll. Warum gibt man nun durch den nicht enden wollenden Konflikt mit dem eigenen Personal erneut die Initiative aus der Hand?

„Die Marke Deutsche Bahn verliert seit Jahren Ansehen bei den Kunden. Zeit für einen Wertewechsel. Oliver Marquardt“

Grube selbst versteht sich als „Macher“. Er hat die Probleme der Vergangenheit erkannt und kämpft aufopferungsvoll gegen Personalengpässe, kaputte Strecken und verzögerte Lieferzeiten. Auch Fehler kann er öffentlich zugeben. Trotzdem bleibt nicht nur wegen der Streiks ein fahler Beigeschmack im Munde der Kunden zurück. Zeitungsmeldungen wie z.B. über ausgesetzte Kinder ohne Fahrkarte schaden dem Image der Bahn noch sehr viel mehr. Die Streiks sind nur das Tüpfelchen auf dem „i“. Das mag nicht einmal an Grube oder Weber selbst liegen. Das Problem ist die eh schon angekratzte Marke, die durch Unfähigkeit zur Einigung, starre Haltungen in den Gesprächen und die scheinbar willkürliche Erhöhung von Fahrkarten keine Politur erfährt. Das Wertesystem der Unternehmenskultur der Deutschen Bahn scheint reif für einen Paradigmenwechsel. Kunden und Zulieferern wird dieser neuerliche Streik als weitere nervige Eskapade im Gedächtnis bleiben. Sie werden Wut auf Herrn Weselsky haben, gewiss. Aber sich auch zunehmend fragen, was im Hintergrund bei der Deutschen Bahn eigentlich so gravierend falsch läuft, dass auch ein achtes Mal seit November letzten Jahres gestreikt werden muss. Ein Image aufzubauen bedarf vieler Jahre und ist mit viel Geld verbunden. Es einzureißen geht sehr viel schneller. Ob die Bahn das bei ihrem strategischen Vorgehen berücksichtigt? Ein authentischer und ehrlicher Wertewandel scheint dringender denn je.

So wenig verdienen deutsche Lokführer

1 http://business-panorama.de/news.php?newsid=276227
2 http://www.companize.com/nachrichten/5438/Arbeitgeber-Deutsche-Bahn-immer-beliebter
3 http://blog.insm.de/8759-spott-in-vollen-zuegen-ist-das-schlechte-image-der-deutschen-bahn-selbstverschuldet/

Bild: Maik Meid auf Flickr.com unter CC 2.0