Nach sehr langer Zeit, habe ich endlich mal wieder die Ruhe gefunden zu bloggen. In zwei Artikeln werde ich mich konstruktiv über die Diskussion um Digitalisierung auslassen, einen holistischen Blick wagen und nach ein wenig Klartext erstaunlich einfache Lösungsansätze für unsere Wirtschaft präsentieren. Diese folgen aber im zweiten Teil. Viel Spaß, ich freue mich auf eine angeregte Diskussion dazu!

Was Dich erwartet:

  1. Ausgangssituation
  2. Warum die Digitalisierung weder Revolution noch Trend ist
  3. Was die Ägypter mit der Digitalisierung zu tun haben
  4. Vom Staub der Disruption
  5. Die Rolle der Natur des Menschen
  6. Ausblick auf Teil 2

Genug Digitalisierung ist zu wenig für unsere Wirtschaft.

Ich kann den Gebrauch des Buzzwords „Digitalisierung“ nicht mehr hören. Einerseits sind wir längst über den „Startpunkt“ hinaus (nämlich z.B. mit der Einführung des ersten Microchips Anfang der 70er Jahre) und andererseits ist genau das der Grund, warum mit dem Wort ständig irreführende Interpretationen einhergehen. Diese wiederum führen nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis dessen, was Digitalisierung eigentlich bedeutet und manch einer denkt, er könne einfach mal irgendwie digitalisieren und gut ist. Das Gefährlichste daran ist, dass es damit immer wieder wie ein Trend erscheint und sämtliche Unternehmenslenker oder Politiker denken, man könne auch später noch mitgehen, ohne wirklich etwas zu verpassen. Die Digitalisierung ist kein Trend. Und auch keine Revolution. Was ist Digitalisierung?

Die Digitalisierung ist keine Revolution.

Die ist in diesem Zusammenhang nämlich auch längst vorbei. Zudem möchte ich mit dem stets auftauchenden Charakter der „Trends“ aufräumen. Viele Blogger haben das mittlerweile erkannt. Dazu gehört auch Alain Veuve. In Bezug auf Digitalisierung und die 4. industrielle Revolution sagt er, ein Trend oder auch eine Revolution sei ein in sich geschlossener Vorgang, der irgendwann entweder aufhört oder in einen anderen übergeht. Genau so ist es. Um zu verstehen, warum die „Digitalisierung“ weder ein Trend, noch eine Revolution ist, müssen wir erstmal auf die aktuellen Eigenschaften unserer Zeit schauen, aus denen digitalisierte Erruptionen hervorgehen.

Was ist Digitalisierung? Die Antwort ist so einfach wie unangenehm.

Was ist eigentlich Digital? Einfach gesagt, bezeichnet man damit den Übergang analoger Werte und Größen in elektronische (bzw. diskrete) Werte und Größen als „digital“. Ein sehr greifbares Beispiel dafür dürfte die Lochkarte sein, die später durch Magnetbänder und Speicherchips abgelöst wurde oder auch der Übergang von der analogen zur digitalen Kamera. Kodak ist als Erfinder der Digitalkamera das wohl tragischste Beispiel der „Digitalisierung“. Technisch gesehen entsteht ein digitales Signal durch Zeit- und Wertediskretion. Ist nicht mein Fachgebiet. Wer mehr darüber erfahren will, Digitaltechnik hier. Macht man die Digitalisierung daran fest, wann dieser Übergang das erste Mal stattfand, landen wir in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Seitdem hat sich die Digitalisierung vertieft und ausgebreitet.

Der Startpunkt der Digitalisierung liegt tausende Jahre zurück.

Die erste direkt zu verknüpfende Erruption der Digitalisierung fand 1941 im Wohnzimmer von Konrad Zuse statt. Er baute dort nämlich die Zuse 3. Sie war ein schrankgroßes, summendes und ratterndes Ungeheuer. Der erste Computer, der sämtliche Rechenleistung digital vollzog (so besaß die Maschine z.B. elektromagnetischen Speicher) und damit als revolutionär bezeichnet werden kann. Sie war mit 5.2 Hz getaktet und verfügte über einen Rechenspeicher von 200 Byte. Auch wenn sie lange nicht als „Turing-Vollständig“ galt, so wäre sie doch dazu in der Lage gewesen, wie man später herausfand. Das macht sie zur ersten binären, digitalen programmierbaren Rechenmaschine. Die Digitalisierung setzte aber eigentlich noch viel früher ein. Nämlich nach aktuellem Stand der Forschung, mit den ersten mathematischen Erkenntnissen der Babylonier und Ägypter. Ohne Mathematik keine Digitalisierung.

Digitalisierung ist Fortschritt. Nicht mehr und nicht weniger.

Spätere Meilensteine waren sicherlich der allgemeine technische Fortschritt in Elektronik und Material, der immer kleinere und leistungsfähigere Bauteile ermöglichte und die systematische Ausbreitung von Heimcomputern, wozu die Erfindung von „Microchips“ und „Microcontrollern“ in den 70er Jahren beitrug. Will sagen, wir erleben eine weit vorangeschrittene Phase der Digitalisierung. Keinen digitalen Trend oder gar eine digitale Revolution. Mit einer Ausnahme: Die digitale Vernetzung. Dazu später mehr.

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Digitalisierung und die Disruption, ein alter Hut

Weitergehend möchte ich auf das oft zitierte Wort der „Disruption“ schauen. Im Zusammenhang mit der strapazierten Digitalisierung wird oft von einer „Zersetzung, bzw. Neugliederung von Wertschöpfungsketten“ gesprochen. Seit wann ist das eigentlich neu? Seitdem es menschliches Knowhow für die Herstellung von Produkten gibt, gibt es auch diese sog. Disruption. Oder fahren wir heute noch mit schwergängigen Dampfloks? Nutzen wir heute immer noch Pferde als mechanischen Antrieb oder Dampfmaschinen? Nein. Und bereits damals führten Erfindungen dazu, das alte Wertschöpfungsketten verloren gingen, oder eben in neue Ketten transformierten. Hersteller von Schwungrädern und Dampfkesseln mussten sich neue Geschäftsfelder suchen. Sie mussten innovativ sein. Deutschland war innovativ. Nachdem es erst von den damals weltweit führenden Briten kopierte, stieg es zur zweitgrößten Industrienation der Welt auf.

Deutschland im Goldrausch.

Doch später dann, man war aus Ruinen auferstanden und hatte so viele Handelsüberschüsse, dass man ständig die Goldreserven aufstocken musste, setzte sich der Pioniergeist hin. Er war müde und wurde träge. Gemütlich schlurfte er ab und zu mal zum Fenster, ob noch alles in Ordnung ist, um sich dann wieder Bewährtem zuzuwenden. Nun rauscht der Fortschritt mit Lichtgeschwindigkeit durch sein Wohnzimmer und plötzlich kommt wieder Schwung in die Sache. Der Pioniergeist traut seinen Augen kaum. Dynamisch und leichtfüßig, wie eine alte 70 Tonnen-Lokomotive setzt er sich in Gang, um das Haus zu verlassen. Denn der allgemeine technische Fortschritt (und die Trägheit der westlichen Industrieländer) hat ehemaligen „Entwicklungsländern“ katapultartiges Wachstum beschert. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass wir jeden Tag und jede Sekunde Marktanteile einbüßen. Allen voran hat China Deutschlands Elite, nämlich den Maschinenbau, schon vor Jahren überholt. Und andere Länder bauen plötzlich auch geile Autos, die sogar von selbst fahren oder ersetzen diese mit Smart-Services. Das ist clever. Denn unsere digitale Vernetzung offenbart eine sog. Service-dominante Logik. Etwas, das hierzulande oft nicht mal als Begriff bekannt ist.

Service ist das, was der Mensch wirklich will. Warum also noch Produkte kaufen?

Vereinfacht gesagt, wird aus der Güter-dominierten Zeit (Bedarf, Produkt, Kauf) eine service-orientierte Zeit (Bedarf, Service, Kauf oder Lease) Niemand braucht eigentlich ein Auto, wenn es einen Service gibt, der ihn von A nach B fährt. Der Mensch ist zwar von Natur aus neugierig und strebsam, aber er ist auch faul und träge.

Smarte Geschäftsmodelle durch Vernetzung.

Damit haben heute Geschäftsmodelle, die sich auf Service konzentrieren, einen großen Vorteil. Sie sind schlank in der Entwicklung und treffen auf uralte Vorlieben der Menschen, was ihnen eine riesigen Markt beschert. Unsere digitale Technik mit maximaler Vernetzung verändert also radikal bewährte Wertschöpfungsketten. Aber das ist nicht neu. Es ist lediglich noch schneller und umfassender geworden, da heute jeder digitaler Teilnehmer der Wirtschaft ist. Trotzdem setzt man bei uns weiterhin auf Bewährtes. Wir nähern uns der Sache gerade einmal an.

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Die Digitalisierung ist Multiplikator? Nein, die Vernetzung ist der Multiplikator

Aufgeschreckt von dieser umfassenden Form der Digitalisierung und dem damit einhergehendem Untergang althergebrachter Wertschöpfungsmodelle, sucht man hektisch nach Begrifflicheiten. Man spricht nun von Digitalisierung der Wirtschaft, Wirtschaft 4.0 oder dem Internet of Things. Das ist nicht falsch, aber es wird der weitreichenden Bedeutung nicht gerecht. Vielmehr erscheint es damit als Trend, Entwicklungsschritt oder geschlossener Prozess. Das ist entspannt. Denn man kann es nachholen, wie damals auch noch mit der Schreibmaschine geschrieben werden konnte, als viele andere Firmen schon mit Computern arbeiteten. Und so sprechen wir immer noch zu wenig über uns, unsere Trägheit und die tatsächlich um uns herum stattfindende Entwicklung. Stattdessen geben wir dieser Entwicklung lieber viele aufregend klingende Namen und laden diese wortgewaltig auf.

Während die Klugen noch taktisch planen, stürmen die Agilen längst auf´s Spielfeld.

Bleiben wir bei den Tatsachen und einem holistischen Bild. Wenn wir von Revolution sprechen wollen, dann sollten wir auf die Vernetzung schauen. An sich ist sie ebenfalls nur logische Konsequenz des allgemeinen Fortschritts und Ergebnis technischer Erfindungen. Doch durch die Öffnung der Vernetzung für alle Menschen seit den 1990er Jahren, ist sie ein entscheidender Treiber des Fortschritts. Sie macht jeden Menschen potenziell mächtig. Als Konsument, aber auch als Multiplikator und Wertschöpfer. Denn inzwischen kann jeder Mensch sein Wissen mit jedem anderen Menschen, der in diesem Netzwerk unterwegs ist, teilen. Und viel wichtiger: Wissen und Knowhow sind nicht länger auf Schulen oder Universitäten konzentriert. Jeder kann es anzapfen, verwenden, weiterentwickeln, multiplizieren. Dazu ist die Vernetzung in Kombination mit immer kürzeren technischen Innovationszyklen (dazu ein mahnender Artikel von 1990!) zu einem hochlukrativen Werkzeug innovativer Wertschöpfungsmodelle geworden.

Deutschland wird bereits ab 2020 absacken.

Währenddessen gilt in Deutschland immer noch SAP mit seiner zugegeben potenten, aber auch hochkomplexen und schwer zu händelnden Corporate-Software-Lösung als das Maß der digitalen Dinge. Auf der anderen Seite rümpft man über die Samwer-Brüder die Nase, hält StartUps immer noch für eine nicht besonders wichtige Randerscheinung und betont stets die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie. Oder wir schwärmen von Vollbeschäftigung und vernebeln uns die Sinne, mit all unseren Erfolgen.

Abwarten macht es nur noch teurer, ja existenziell gefährlich

Für 2050 sagt die OSZE voraus, dass wir hinter Nigeria nur noch die zehntgrößte Volkswirtschaft sein werden. Und andere Studien sehen uns noch weiter weg, da einige Effekte wie der fehlende Nachwuchs, riesige finanzielle Belastungen durch die vielen Renten und ein anachronistisches Bildungssystem, unterschiedlich bewertet werden. Zitat aus der Studie: „Deutschland muß sich ab 2020 auf eine ähnliche Entwicklung einstellen, wie sie Japan bereits erlebt“…

Im nächsten Teil gehe ich darauf ein, warum wir tatsächlich immer weniger vom Fortschritt verstehen und ThinkTanks, wie auch Knowhow-Brücken immer wichtiger werden. Warum wir uns auf andere Dinge als Worthülsen wie „Digitalisierung“ konzentrieren sollten und ich zerlege die ständig wiederholten deutschen Argumente für schwindende Marktanteile und Margen in ihre Einzelteile. Außerdem gebe ich spannende Einblicke in die Digitalisierungsstrategie eines agilen, großen deutschen Unternehmens. Und ich erkläre, warum die Digitalisierung für uns so richtig teuer werden könnte.

 

Blog-Empfehlungen:

An dieser Stelle möchte ich euch Blogs empfehlen, die mir u.a. bei diesem Thema immer wieder Inspiration liefern. Für weitergehende Lektüre zum Thema Innovation, Wertschöpfung, Lean, Agilität, Markenführung, Marketing und Knowhow schaut doch mal hier vorbei:

Tim Cole – www.cole.de
Kathrin Mathis – www.katrin-mathis.de
Babak Zand – www.babak-zand.de
Alexander Osterwalder – http://businessmodelalchemist.com
Winfried Felser – www.competence-site.de
Innovative Markenführung – www.marquardt-strategie.de/blog
Ralf Volkmer – www.lean-knowledge-base.de
Thomas Michl – https://tomsgedankenblog.wordpress.com
Karl Kratz – www.onlinemarketing.de
Seth Godin – http://sethgodin.typepad.com
Wissensportal digitales Marketing und Werbung – www.zielbar.de

Titelbild: Wikipedia / https://de.wikipedia.org/wiki/Zuse_Z3#/media/File:Z3_Deutsches_Museum.JPG / CC 3.0