Wie sieht´s mit Industrie 4.0 im Mittelstand hinsichtlich der Kommunikation aus? Über dieses Thema und den Stand von strategischen Kommunikationsberatungen wollen wir heute mit Oliver Marquardt sprechen.

Es ist ein kühler Wintermorgen in Marburg. Schwerer Nebel liegt über den Lahnbergen. Direkt aus dem Wintergarten des alten Ladengeschäfts, in dem Marquardt+Compagnie ihr Büro haben, blickt man über den alten botanischen Garten in die weiten Ausläufer des Lahntals. Im April 2015 geht die kleine Kommunikationsberatung ins dritte Jahr. Das StartUp von Oliver und Katharina Marquardt ist seit 2013 am Markt. „Die ersten beiden Jahre liefen besser als erwartet.“ freuen sich beide. Die Entwicklung ermöglichte dem Büro bereits eine weitere Kraft und einige freie Mitarbeiter zu beschäftigen. Auch wenn man den Kundenstamm mehr oder weniger komplett neu aufbauen musste.

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Bild: StartUpStockPhotos / Pixabay.com

Strategische Beratung auf der Suche nach dem Sinn

„Für den Status eines StartUp können wir zufrieden sein“ konstatiert Oliver Marquardt. Man konnte im Laufe des Jahres 2014 weitere neue Kunden gewinnen und hatte damit eine Auslastung, die über den Erwartungen lag. Doch die mangelnde Veränderungsbereitschaft macht der ganzen Branche schwer zu schaffen, das merkt man auch hier über den Dächern von Marburg. Die ehemalige Königsklasse der Unternehmensberatung, die Strategieentwicklung, zu der auch Marquardt+Compagnie mit strategischem Marketing gehört, sucht schon seit Jahren nach einer neuen Daseinsberechtigung. „Der Mittelstand spürt zwar abstrakten Veränderungsdruck, nimmt ihn aber nur unzureichend wahr. Meist zeigt sich erst nach einem intensiven Austausch über die Entwicklungen des globalen Markts, der Digitalisierung und notwendiger Professionalisierung eine gewisse Veränderungsbereitschaft. Oder Unternehmen warten bis zur Krise, um dann nach der Feuerwehr zu rufen.“ gibt Katharina Marquardt, Gesellschafterin der Kommunikationsberatung, zu bedenken.

Die Zeichen stehen auf Sturm

Dabei stehen die Zeichen alles andere als gut für Deutschland. Trotz der hohen Volatilität im Finanzwesen und der unkalkulierbaren Weltwirtschaft kann die Konjunktur bisher gekonnt darüber hinwegtäuschen, dass wir fröhlich vor dem Ausverkauf unserer Wirtschaftskraft stehen. Gerade wieder mahnt die OECD davor, dass Deutschland sich in den nächsten 35 Jahren nur mühsam in den weltweiten Top10 wird halten können. Selbst Länder wie Nigeria werden uns überholen. Damit einher geht der Verlust von deutschen Marktanteilen in der Höhe von 50%. Die Demogaphie, verpasste Chancen in der digitalen Revolution und fehlende Innovation werden der deutschen Wirtschaft stark zusetzen. Während die Großunternehmen und Konzerne alles und jeden mobilisieren, um den Erhalt ihrer Marktposition zu gewährleisten verharrt der Mittelstand im Dornröschenschlaf. Man ist erfolgsverwöhnt und zehrt von Erfolgen aus der Vergangenheit. Kein Handlungsbedarf. Die gute Konjunktur wird nicht genutzt, um sich weiterzuentwickeln. Selbst politisch gewollte Veränderungsprozesse, wie die Plattform Industrie 4.0 konnten bisher keine Akzente setzen. Reinhard Clemens, CEO von T-Systems: »Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen (…)“ Es gäbe bisher keine konkreten Ergebnisse und kein konzertiertes Vorgehen deutscher Unternehmen in Sachen Industrie 4.0.

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Studie Mittelstand: Nicht mal jeder dritte Inhaber nutzt Unternehmenskommunikation.

Dazu verlangt der Wettbewerb mehr und mehr Professionalisierung. Selbst Nischenbranchen und die lange unbedrängten „Hidden Champions“ geraten langsam ins Visier der internationalen Konkurrenz. Überall, wo es Geld zu verdienen gibt, drängen junge Unternehmen mit einer guten Kapitalausstattung auf den Markt und kämpfen um Marktanteile. Themen, wie die Digitalisierung von Prozessen oder moderne Unternehmenskultur sind wenig präsent. Frische Ideen, wie das Crowdfunding bleiben unbeachtet. Entsprechend innovative Kommunikationsfähigkeiten für die Geschäftsentwicklung, Mitarbeiterbindung oder auch die Gewinnung neuer Mitarbeiter sind für die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland immer noch wenig greifbar. Hier keimt ein riskantes Problem heran. Eine Studie von Marquardt+Compagnie aus dem Jahr 2014 unter knapp 40 hessischen mittelständischen Unternehmen bis 500 Mitarbeiter zeichnet ein deutliches Bild. Demnach gibt nur etwa jeder zweite Inhaber gibt dem Thema „Unternehmenskommunikation“ eine Relevanz und nicht mal jeder dritte erkennt das Thema für sich überhaupt als wichtig. Dabei geben nahezu alle Befragten an, dass Sie mit grundlegenden Veränderungen im globalen Markt rechnen und eine professionelle Kommunikation dementsprechend wichtig wird. Die Mehrheit würde keine Unterstützung annehmen wollen. Eine Umfrage der Unternehmensberatung Accenture unterstreicht diese Ergebnisse. Demnach erwarten Deutschlands Großunternehmen fundamentale Veränderungen ihrer Branchen durch die Digitalisierung, aber sie verfolgen dennoch keine umfassenden Strategien in dem Feld.

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Werte werden wichtig. Innovation nicht nur bei Prozessen notwendig.

Und es ist nicht nur der Wettbewerb, der große Herausforderungen bereithält. Auch die Wertesysteme verändern sich. Die Wirtschaftspsychologin Dr. Alexandra Hildebrandt gibt zu Bedenken, dass wir angesichts sich wandelnder Kundenerwartungen nicht um professionelles Werte-Management herumkommen werden. Unternehmen brauchen eine authentische und moderne Unternehmenskultur. In diesem Zuge gewinnt Nachhaltigkeit enorm an Bedeutung. „Nachhaltigkeit hilft den Unternehmen nicht nur bei einem effizienten Ressourcenmanagement, sondern auch bei ganz anderen Dingen, die damit bisher überhaupt nicht Verbindung gebracht worden sind“ ergänzt Oliver Marquardt. Sein Unternehmen beschreibt Nachhaltigkeit als eine ganzheitliche Sichtweise bei der es darum geht, die gesamte Führungskultur daran auszurichten. Dazu gehören dann auch die weichen Faktoren, wie sie sich im Personalmanagement finden. Ein Unternehmen, das nachhaltige Werte, wie z.B. einen ethisch korrekten Rohstoffeinkauf, ökologisch sinnvolle Energienutzung oder soziales Engagement vorweist, hat nicht nur bei Mitarbeitern gute Karten. Auch der mündige Kunde versteht unter Qualität inzwischen mehr, als eine gute Verarbeitung oder verlässliche Funktionen. Das haben schon einige Unternehmen verschiedenster Branchen sehr gut umgesetzt. So z.B. hessnatur, die GLS Bank, Demeter oder VW. Ja, VW gilt als grüne Marke. Jedenfalls nach einer Studie aus 2012.

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