Über Digitalisierung im Mittelstand wurde schon viel geredet. Aber was kommt eigentlich danach? Folgt Digitalisierung 2.0? Wir denken, es findet längst etwas anderes statt. Wir nennen es die „4. Dimension der Digitalisierung“. Wir befinden uns mitten in ihr. Und sie verändert alles. Denn mit der Erfindung der digital arbeitenden Computer begann eine Entwicklung, die nun eskaliert. Mit ihrer Beschleunigung, Innovationssprüngen und rasanten Ausbreitung macht sie deutlich, dass ihr Ende nicht abschätzbar ist.

Einige StartUps der letzten 5-10 Jahre haben sich so schnell entwickelt, wie kein klassisches Familienunternehmen seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts

Einige StartUps der letzten 5-10 Jahre haben sich so schnell entwickelt, wie kein klassisches Familienunternehmen seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Einige der DAX-Unternehmen existieren wesentlich länger und sind weit weniger Wert. (Bild: Statista)

Die erste Stufe begann in den 80er Jahren durch die kontinuierliche Verbesserung von Technologie, mehr Leistung auf kleinerem Raum. Die nächste Stufe, die wiederum den technischen Fortschritt multipliziert hat und es immer noch tut, ist die maximale Vernetzung sämtlicher Teilhaber am System, die mit der Einführung des Internets auf öffentlicher Ebene starten konnte. Das Ganze wird lediglich dynamischer. Es ist also eigentlich nichts Ungewöhnliches, was wir erleben. Es ist nur der natürliche Fortschritt, den die Menschheit seit ihren ersten Schritten erlebt.

Während in einigen Chefetagen noch über das ob diskutiert wird, haben andere smarte Player längst ausgereifte, digitale Maßnahmen umgesetzt. Ob im Vertrieb, der Prozesssteuerung oder für ein agiles Projektmanagement.

Doch gleichzeitig ist es so revolutionär, dass selbst gestandene Technologie-Experten teilweise Schwierigkeiten haben, Schritt zu halten. Dafür ist die Forschung und Entwicklung weltweit in einer Geschwindigkeit angelangt, die im Grunde nur noch Maschinen sinnvoll verarbeiten können.

Zaghafte Erkenntnisse des großen Ganzen

Wir erfahren gerade in ersten zaghaften Erkenntnissen, was eigentlich stattfindet. Wir erkennen unseren Lebensraum nicht mehr wieder. Wer mal ins Silicon-Valley gereist ist, oder die weltweite StartUp-Szene und Wissenschaft verfolgt, ist nicht nur erstaunt. Er bekommt teilweise das kalte Grausen. Es gibt keine Grenzen mehr. Nichts scheint mehr unmöglich zu sein. Alles, was der Mensch an Möglichkeiten geistig entwickeln kann, lässt sich real transferieren. Und weil wir das Potenzial dieser Entwicklung so grandios finden, forschen wir gezielt weiter, um den Menschen letztendlich in eine perfekte Symbiose mit den Maschinen zu bringen.

Das Beste aus beiden Welten. Darin wird unter Wissenschaftlern wie Rob Nail vom Singularity Institute etwas sehr Nützliches gesehen: „Ich glaube, dass 70 bis 80 Prozent der Entscheidungen, die ich jeden Tag treffe, auch von einem Algorithmus getroffen werden könnten. Wir könnten eine Plattform so programmieren, dass sie genauso gut entscheidet wie ich, wenn nicht sogar besser.“ Und diese könnte auch mit mir als Mensch verbunden sein, das wäre doch praktisch.

(Zuerst gefunden auf tao.at)

(Zuerst gefunden auf tao.at)

Innovationszyklen werden immer kürzer, es braucht schon viel Kapazität, das große Ganze zu überblicken und seine Schlüsse zu ziehen

Ähnlich logisch, als klare Weiterentwicklung des menschlichen Strebens nach Verbesserung, sieht das auch Christopher Coenen, Forscher in der Technikfolgenabschätzung. „Der Mensch ist von Natur aus mit Neugier und einem Hang zum Fantastischen ausgestattet. Das gilt auch für den technischen Fortschritt. (…) Die Vorstellung, dass es beseelte Maschinen geben kann, besitzt für uns Menschen einen ganz besonderen Reiz.“

Wer dem noch Jahrzehnte gibt unterschätzt den Fortschritt massiv. Denn dazu sind, neben gezielter Industriespionage, technologische Erkenntnisse quer über die Erde in Echtzeit verfügbar, was die Entwicklung potenziert. Diese Bündelung von Kompetenz und Forschung, wie auch die Bereitstellung von Knowhow und Wissen sind einzigartig. So etwas haben wir noch nicht erlebt.

Mittendrin tapst selbstsicher der Mittelstand

Fast schon als Randnotiz dieser nicht mehr enden wollenden Revolution fallen nebenbei neuartige, smarte Produkte und Fertigungsmöglichkeiten an. Ein Beispiel: Der 3D-Druck war vor 5 Jahren noch ein Nischenthema für Nerds. Heute werden schon Häuser und komplette Werkteile in sämtlichen Materialien damit gebaut. Ganz unbemerkt fällt diese Technologie damit in Branchen ein, die niemals damit gerechnet hätten. Es wird Häuserbauer geben, die nur einen 3D-Drucker haben und einige Spezialisten beschäftigen.

Neue Produkte haben oft so viel Strahlkraft, dass sie komplett ohne klassisches Marketing auskommen

Mit der Flexibilität des 3D-Drucks werden sie die beliebten Fertighaus-Anbieter unter Druck setzen. Man sollte sich schleunigst mit innovativeren Geschäftsmodellen befassen. Formenbauer und andere redundante Anbieter betrifft es bereits.

Vollautomatische Salatproduktion (Bild: Spread)

Vollautomatische Salatproduktion (Bild: Spread)

Dazu gesellen sich kluge Ideen und Hochtechnologien, die aus kleinen Studentenbuden heraus in kürzester Zeit den Markt aufrollen. Zum Beispiel das Team um die beiden Entwickler Boken Lin und Zheng Han, Gründung 2013. Sie haben den kleinsten Linux Server der Welt entwickelt. Und der kostet weniger als 10 Dollar.

Einige Länder stützen die StartUp-Szene längst systematisch mit guten Rahmenbedingungen und Kapital, wie z.B. Kanada, Australien, Israel, Russland, USA und China. Alleine im Silicon Valley arbeiten ca. 1,7 Millionen Menschen. Das sind mehr, als alle DAX Unternehmen zusammen beschäftigen.

Beschäftigte im Silicon Valley (Bild: Compass)

Beschäftigte im Silicon Valley (Bild: Compass)

Im Silicon Valley arbeiten mehr Menschen als bei allen DAX Unternehmen zusammen

Aber auch große Unternehmen, wie Cisco, HP oder Google und Facebook kaufen ein Jungunternehmen nach dem anderen, um sich das clevere „State of the art Know-how“ zu sichern. Damit stärken sie ihre Marktmacht, während der Mittelstand zuschaut.

Woanders entstehen erste smarte Fabriken, die innovative Methoden und Technologien vereinen. Und ohne Menschen, was viel diskutiert wird. Wir werden innerhalb der nächsten Jahre riesige Entwicklungssprünge erleben, die gewohnte Wertschöpfungsketten radikal verändern. Alte Geschäftsmodelle werden gnadenlos aussortiert, ehemalige Technologieführer abgelöst (Kodak, Nokia, Microsoft, Apple, etc.)

Wir wissen längst, dass unsere Strategien veraltet sind und halten dennoch allzu oft an ihnen fest.

Und mitten in dieser überwältigenden Entwicklung tastet sich, leicht unbeholfen und ängstlich, der deutsche Mittelstand voran. Was ihn nicht davon abhält, arrogant und selbstsicher aufzutreten. Die rund 4500 Familienunternehmen loben sich stattdessen lieber selbst, es herrscht „Gute Laune“ im Mittelstand.

(Bild: VDMA)

China galoppiert allen davon (Bild: VDMA)

Innovation ja, aber keine Marktmacht

Dabei leidet gerade der familiengeführte Mittelstand immer stärker unter der „KMU Gap“, der gravierenden Kluft von Know-how zwischen großen Unternehmen und StartUps auf der einen Seite und dem KMU-Mittelstand auf der anderen. Eine Lücke, die der Studie nach nicht existiert.

Laut DPMA findet sich in den TOP30 der innovativsten deutschen Unternehmen kein Mittelständler (2015)

Wer sich mit Unternehmern unterhält, spürt ebenfalls nichts vom Druck. Sind sie nur Meister der Selbsttäuschung, oder spürt der Mittelstand wirklich nichts? Es liegen doch unübersehbar große Stolpersteine auf ihrem Weg in eine wettbewerbsfähige Zukunft.

  • Demografie, zu viele ältere Entscheider
  • Unzureichend ausgebildeter Nachwuchs
  • Eine fehlende deutsche Risikokultur
  • Fehlender politischer Wille
  • Träge Institutionen, wie z.B. Verbände oder Wirtschaftsförderer
  • Erfolgsverwöhnte, innovationsarme Player in der Wirtschaft

In Deutschland gibt es zudem nur eine sehr zögerlich wachsende, agile Unternehmenskultur, wie sie von StartUps vorgelebt wird. Im Grunde wird immer noch auf sämtlichen Chefetagen Risiko abgewogen und ewig optimiert, anstatt einfach mal Schritte ins Neuland zu wagen. Das gilt für Politik ebenso, wie für große Teile der Wirtschaft. Dabei hätte es der deutsche Mittelstand dringend nötig, z.B. von erleichterten Bedingungen für StartUps zu profitieren. Sie sind längst die neue Hoffnung für das, was man selbst versäumt hat. Sie sind der neue Partner, sie sind die nicht vorhandene Innovationsabteilung, der fehlende ThinkTank, der Strohhalm.

Wie mittelständische Marken selbst von kleinen Veränderungen profitieren

Was kann ich tun? Eine Menge, dank des „smart turn effect„, des großen Hebel kleiner Veränderung. Natürlich kann man keinen Betrieb einfach mal eben umkrempeln. Das braucht professionelle Anleitung und es braucht den Willen, die wohlwollende, agile Geisteshaltung der Geschäftsführer. Wir begleiten Unternehmen dabei, eine innovative wertebasierte Marke zu werden und raten u.a. zu folgenden Maßnahmen und Fragen in diesem Prozess.

Etablieren Sie interne ThinkTanks und beauftragen Sie eine kleine Arbeitsgruppe mit gezieltem „Corporate Development“, einer zukunftsgewandten und ganzheitlichen Unternehmensentwicklung

Ihre Aufgabe ist es dann unter Anwendung agiler Methoden systematisch folgende Fragen zu beantworten

  • Wohin will das Unternehmen, was kann es dafür leisten und wo brauchen wir externe Hilfe?

  • Wie wollen wir Innovation schaffen, leben und umsetzen? (Dabei geht es nicht nur um die Produkte oder Produktion, es geht auch um Methoden der Marke insgesamt)

  • Wie treten wir auf, wie wollen wir wirken?

  • Was sollen Menschen von außen mit unserer Marke in Verbindung bringen und wie schaffen wir das?

  • Wer kann das Change Management dafür leisten? Brauchen wir zusätzliche Ressourcen?

Oft wird dem Thema Ganzheitlichkeit z.B. in der „Außenwirkung“ keine besondere Bedeutung beigemessen. Der Laden läuft auch so. An dieser Geisteshaltung sollten Unternehmer schnellstmöglich arbeiten. Denn die aktuelle Phase der weltweiten Wirtschaft ist keine Wiederholung und weist auch keine verlässlichen Konjunkturzyklen mehr auf. Kein Ingenieur würde jetzt auf die Idee kommen, mit Methoden und Technologien von vor 20 Jahren, aktuelle Maschinen für den Markt von morgen zu konzipieren. Das Denken hin zu agilem Unternehmensbewusstsein, z.B. durch agiles Marketing ist nur ein kleiner Schritt, der große Wucht mit sich bringt.

Clevere Unternehmenslenker verlassen sich also nicht darauf, was ihre Produkte können oder was vor 20 Jahren funktioniert hat. Sie wenden sich der Zukunft zu, ganzheitlich.

Zum Thema „Digitalisierung Mittelstand“ auch meine aktuelle Kolumne auf Unternehmer WISSEN:

Smart gescheitert? Der Mittelstand am digitalen Abgrund [Kolumne]