Hier habe ich vor einigen Monate ausführlich dargelegt, warum Digitalisierung weder ein Trend, noch eine Revolution darstellt. Heute finde ich Zeit und gehe weiter darauf ein, wie sich der Zustand unserer weltweiten Entwicklung charakterisieren lässt und dass es für den Mittelstand tatsächlich erstaunlich einfache Lösungen gibt.

  • Was ist Digitalisierung?
  • Der Charakter der Veränderung
  • Vom Marktgestalter zum Marktverwalter
  • Fortschritt ist eine Frage der Geisteshaltung
  • Beispiel: Corporate Development als Aggregat von Innovation
  • Veränderung gekonnt managen
  • Mut zur Initiative

Die Digitalisierung ist Evolution

Auch wenn der Netzwerker und Moderator digitaler Transformation Dr. Felser diese Behauptung meiner Note auf der CeBIT nicht teilte, da er von einer nicht linearen Entwicklung sprach und auch andere Vordenker dieser Entwicklung das ähnlich sehen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir hier von einer beschleunigten evolutionären, wenn auch nicht linearen Entwicklung sprechen. Man kann sagen, die Digitalisierung ist eine natürliche Eigenschaft unseres Fortschritts. Sie existiert seit vielen Jahrzehnten und ist keineswegs eine Revolution unserer Zeit. Ihr medialer Charakter erscheint viel mehr als ein Produkt von Entkopplung und zunehmenden Unwissen darüber, was eigentlich um uns herum passiert. Keiner weiß mehr, was eigentlich abgeht.

Ich selbst habe Schwierigkeiten damit, immer auf dem Laufenden zu bleiben.

Digitale Aspekte spiegeln sich heute deutlich an massiven Transformationsprozessen unserer Wirtschaft und Gesellschaft, z.B. zunehmende Wertschöpfung im Internet durch Onlineshopping oder massive Nutzung von Echtzeit-Kommunikation. Doch es sind nur Aspekte. Wenn ich einem Inhaber erzähle, dass die Technik in einem heutigen Smartphone ausreicht, um damit einen Satelliten ins All zu schießen und noch mehr, treffe ich auf ungläubiges Erstaunen. Die Speicher- und Rechenkapazitäten erreichen langsam die Grenzen der Physik, sodaß man sich Quantenmechanik und anderen visionären Techniken zuwenden muss. Währenddessen schraubt der Mittelstand weiter an bewährten Produkten herum als wäre alles noch so wie vor 10 Jahren. Ungeachtet dessen, ja fast unbemerkt, transformiert eine kleine technologische Elite in die nächste Phase, die der „Quantenmechanik“, „Virtueller Realität“ und „Kybernetik“.

Sowas hat der Mittelstand die letzten 40 Jahre nicht erlebt.

Das kann beängstigen. Es hält deswegen aber nicht an, nur weil sämtliche Unternehmen ratlos dreinschauen und um eine Bedenkzeit bitten. Um es noch etwas deutlicher werden zu lassen, was stattfindet und warum man nicht Kurve 4 sein will, möchte ich aus diesem schönen Beitrag von Alain Veuve zitieren:

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1. Technologische Entwicklung

2. Adaption der Technologie durch die Kunden

3. Adaptionskurve der durchschnittlichen Unternehmen

4. Adaptionskurve der todgeweihten Unternehmen

5. Gesellschaftliche, digitale Transformation

6. Digitale Business Transformation

Kurz gesagt: Die adaptiven Abstände der Transformation dürfen nicht zu groß werden, sonst gehört man zu den Totgeweihten.

Wie man dem Urknall der Entwicklung entgehen kann

Während man hierzulande jetzt eher in Schockstarre verfällt und die Politik längst im #Neuland verloren gegangen ist, sind andere Länder souverän dabei den Markt umzubauen und neu zu gestalten, Indien, USA oder China als Beispiel. Was wir in Deutschland sehen, ist das Ergebnis jahrzehntelangen Erfolgs gepaart mit minimalem Leidensdruck. Daraus ist ein Handlungsschema entstanden. Es ist typisch geworden, dass man die schwindenen Wettbewerbsvorteile nicht sieht, sehen will und die Verantworung wiederkehrend auf die Politik schiebt. Oder auf die bösen Chinesen, die uns Technologie klauen oder die Osteuropäer, die uns mit ihrem Lohnniveau Marktanteile wegnehmen. All das hat mit dem Kern der Sache nicht sonderlich viel zu tun.

Kern der Sache: Vom Marktgestalter zum Marktverwalter?

„Weit gefehlt“ mag nun der eine oder andere Inhaber und Geschäftsführer laut und empört denken. Wie soll ich wettbewerbsfähig bleiben, wenn mich die Lohnkosten auffressen? Und überhaupt ist in Deutschland ja alles so teuer und die Politik so träge. Aufgebracht lässt sich der Inhaber zurück in den Chefsessel fallen. Er fährt sich klärend durch die Haare und sammelt sich. Dann ist das Pokerface wieder perfekt. An sich sei die Lage ja in Ordnung. Und warum überhaupt Veränderung, wenn alles seinen Gang gehe? Man warte lieber ab, was die Entwicklung so bringe. So erlebt bei einem Mittelständler mit 100 Mitarbeitern im Bereich CNC-Zerspanung, wo die Margen nur so dahinschmelzen. Klarer Fall von finaler Phase. Ein Betrieb, den es in 10 Jahren nicht mehr geben wird.

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Klassische emotionale Reaktionsphasen bei plötzlich eintretender Veränderung

Ja, es gibt tatsächlich Mittel und Wege, sich smart zu verändern. Richard K. Streich hat das anschaulich skizziert. Grundlage ist die „Akzeptanz“. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass jede positive Veränderung mit einer Veränderung des Denkens einhergeht, dazu gehört auch die Akzeptanz von realer Veränderung. Auch das ist nicht neu, aber es ist ungewohnt. Wir kommen also nicht drumherum, zu akzeptieren wie sich die globalen Regeln geändert haben. Agilität und Innovation sind der Erfolgsgarant des 21. Jahrhunderts.

Deutsche Unternehmen brauchen den Tritt in den Arsch

Innovative Methoden und Markenführung interessieren die wenigsten. Doch ich stelle immer wieder fest, dass innovative Unternehmen auch in Deutschland eine wettbewerbsfähige Position aufbauen können, auch wenn es vergleichsweise schwierig ist (Deutschland rangiert bei Gründungsfreundlichkeit weltweit auf Rang 17). Sie verlassen sich nicht auf altbewährte Methoden, sondern agieren bewusst ganzheitlich und zukunftsorientiert. Das Management dieser Unternehmen ist kein klassisches Chefbüro, sondern agiert bewusst kollaborativ. Unsere sträflich klein gehaltene StartUp-Szene liefert Beispiele ohne Ende, wie modernes Management funktioniert. Einige Unternehmen haben das erkannt. Sie haben sich ehrlich eingestanden, in welcher Zeit wir leben und dass „Digitalisierung“ alles andere als ein Trend ist. Sie transformieren bewusst vom Marktverwalter zum Marktgestalter und bedienen sich des Knowhows dieser vermeintlich kleinen „Player“.

Entweder man ändert sein Denken, oder man ändert nichts.

Ich hatte das Vergnügen bereits mehrmals mit dem Leiter des Corporate Development von Viessmann zu sprechen. Viessmann agiert für seine Unternehmensgröße von 12.000 Mitarbeitern vorbildlich und erstaunlich agil. Sie haben bereits seit Jahren eine „Digitalisierungsstrategie“. Was im heutigen Sprachgebrauch staubig klingt, war für das inhabergeführte Unternehmen ein revolutionärer Schritt. Es begann damit, dass man sich selbstkritisch und vor allem ehrliche hinterfragt hat.

Eine „Digitale Strategie“ ist seit Jahren Standard

Eine Konsequenz ist, dass eigene Töchter in der StartUp-Szene rekrutiert werden und Change Management als feste Disziplin der Unternehmensführung etabliert wurde. Dafür schuf man in der Zentrale mehrere Vollzeitstellen, die mit ausgebildeten Change-Managern besetzt wurden. Man hat sich zudem kaum Knowhow eingekauft, sondern lässt die Change-Prozesse in der eigenen Consulting-Abteilung konzipieren. Diese Abteilung ist auch dafür verantwortlich, das eigene kontinuierliche Verbesserungsmanagement zu betreuen. Etwas, das ich in dem Umfang noch nicht gesehen habe. Die Verbesserungen werden bewusst durch eigene Mitarbeiter vorangetrieben und mittlerweile auch durch erwähnte StartUps. Resultat ist der Erhalt der Wettbewerbsposition.

Beispiel: Das Corporate Development als Aggregat gezielter Innovation

Alle Fäden laufen beim „Corporate Development“ zusammen, das ebenfalls fester Bestandteil der Unternehmensführung ist. Hier steht nicht nur ein schicker Name drauf, sondern man füllt diesen Aggregat bewusst mit Freiraum, Verantwortung und Selbstmanagement. Dabei spart man weder an Investitionen in Veränderungen, noch an notwendigen Maßnahmen. Auch spart man nicht am Marketing, das schon Peter Drucker als den größten Hebel für Unternehmenserfolge erkannte. Es geht schließlich um nicht weniger als die eigene Existenz. Das hat man bei Viessmann sehr deutlich und ehrlich erkannt.

Digitalisierung ist eine fortlaufende, globale Veränderung sämtlicher Regeln in Echtzeit.

Fazit: Veränderung ist alles

Fassen wir zusammen, bleibt eine elementare Erkenntnis: Veränderung ist alles, Geld alleine nichts. Damit löst die Fähigkeit zur Veränderung Knowhow als weltweite Währung ab. Geistige Agilität war noch nie so wichtig wie heute. Heißt z.B. bevor das nächste Mal überlegt wird, wo man im Herstellungsprozess noch effizienter werden kann und eine teure Maschine kauft, lieber mal in andere Richtungen der Innovation denken.

Neue Maschinen lösen keine Denkblockaden

Betreffend Viessmann werden Führungskräfte kleinerer Unternehmen einwerfen, dass dort ganz andere Regeln gelten. Denn man sei alleine monetär schon sehr viel begrenzter als solche Großunternehmen. Das stimmt. Ich moderierte vor einigen Monaten in Marburg das „Zukunftsforum Digitale Wirtschaft“ und hier wurde deutlich, dass z.B. „Fehlerkultur“ kein Selbstzweck sein sollte und Geld natürlich notwendig ist. Andererseits wurde von den Teilnehmern klar betont, wie wichtig Kreativität und innovative Methoden seien. Sie alleine bergen bereits das Potenzial für konstruktive Veränderung. Meine Erfahrung bestätigt das. Geld spielt eher eine untergeordnete Rolle.

Freiraum und Kreativität für innovative Erfolge

Viel entscheidender ist eine ehrliche Zuwendung und innovative Haltung der Unternehmensführung, Veränderungen anpacken zu wollen. Und damit ist nicht gemeint, die eigene Internetseite auf Vordermann zu bringen, sondern bewusst personelle Strukturen zu schaffen und Knowhow für innvoative Wertschöpfungsmodelle zu entwickeln. VW zeigt hier auf eindrucksvolle Art und Weise, wie man es nicht macht. Bei der arroganten Haltung der Unternehmensführung ändert auch „Moia“ nichts daran.

Digitalisierung Mittelstand: Brücken bauen und als Partner fungieren

Wie kann diese Veränderung, deren größter Treiber die digitale Transformation ist, gelingen? Wir werden von der Politik in den nächsten Jahren zwar Signale bekommen, wie z.B. die Einrichtung oder Aufstockung entsprechender Fonds und vielleicht auch spezielle Abteilungen, die sich den Aufgaben der Innovation stellen. Auch Verbände haben das Thema zaghaft auf dem Schirm. Andererseits sollten Unternehmen nicht darauf warten, dass ihr Geschäftsmodell „digitalisiert“ wird und damit der Claim auf dem digitalen Spielfeld von anderen abgesteckt wird. Paradoxerweise reicht es aber auch nicht, sein Geschäftsmodell einfach zu digitalisieren. Auch ein veraltetes Geschäftsmodell bleibt digitalisiert veraltet. Es geht um Verständnis für den modernen Markt.

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Tragisches Beispiel der digitalen Transformation, die Traditionsmarke Kodak als Erfinder der Digitalkamera

Ich will euch Mut machen, liebe Mittelständler. Gerade der KMU-Mittelstand hat gegenüber größeren Unternehmen den entscheidenden Vorteil der Flexibilität. Entscheidungsprozesse fallen deutlich schneller und sind besser umzusetzen. Auch wertsteigernde Eigenschaften, wie Nachhaltigkeit spielen bereits eine selbstverständliche Rolle, da Familien das Ruder in der Hand halten. Und nein, bitte nicht immer weiter mit Lohnkosten, Materialkosten oder anderen Betriebskosten argumentieren. Sie sind wirklich äußerst selten der Grund für schwindende Marktanteile und schmelzende Margen. Sie stellen nur dann einen Grund dar, wenn im eigenen Blickfeld keine anderen Stellschrauben und Möglichkeiten existieren. Es gibt aber viele andere Möglichkeiten, neben bewusster Akzeptanz und konkreten Maßnahmen, wie Corporate Development, habe ich eine weitere hier erläutert.

Man muss die Chancen nur sehen und nutzen wollen. Gehen wir es an, es war noch nie so einfach. Alles andere wird nur unendlich teuer.

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